Historische Werkstätten: Maskenmacher, Glasbläser, Holzspielzeugmacher

Seit Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt sich der Thüringer Wald zu einem Zentrum sogenannter Hausindustrie. Die Produkte – allen voran Christbaumschmuck, Spielzeug und Masken – gehen in die ganze Welt. Die Menschen, die sie herstellen, leben zumeist in bitterer Armut.

Die Maskenmacher

Zimmer mit Tisch und Regalen voller bunter Masken
Foto: © Stadtverwaltung Erfurt / Volkskundemuseum

Die gewerbliche Produktion von Papiermache-Masken begann im Thüringer Wald als Nebenbeschäftigung der Puppenmacher. 1805 erhielt der Sonneberger Bossierer und Puppenmacher Johann Friedrich Müller das Privileg zu Fertigung und Vertrieb von Papiermachewaren. Der umfangreiche Einsatz des neuen Materials und die Nutzung von Formen für die Herstellung von Puppenköpfen und Figuren veränderte die Arbeit der Bossierer. Ihr freies Modellieren von Figuren und Puppenteilen aus einem plastischen Mehl-Leim-Gemisch war ohne künstlerisches Vermögen und Erfahrung nicht ausführbar. Dagegen erforderte das Auslegen von Halbformen mit Papiermache lediglich das „Drücken“: eine rein mechanische Tätigkeit. Sie konnte von unge­schulten Arbeitskräften als Massenproduktion ausgeübt werden. Solche billigen Arbeitskräfte, eine Vielzahl von Papiermühlen und das Vorhandensein hausindustrieller Strukturen boten gute Voraussetzungen zur Entfaltung der professionellen Maskenproduktion. Erste Fabrik­gründungen erfolgten 1832 (Manebach) und 1850 (Schalkau bei Sonneberg).

In Manebach waren die hausindustriellen Maskenmacher auf einzelne Arbeitsgänge spezialisiert, die in der örtlichen Fabrik zusammengeführt wurden. Dagegen wurden in Ohrdruf und der Sonneberger Gegend alle Arbeitsgänge der Maskenproduktion innerhalb eines Hausindustriellen-Haushalts vorgenommen: vom Drücken des geleimten Papiers in bzw. dem Auflegen auf die gefettete (manchmal mit Gaze überzogene) Form aus Ton bzw. Gips bis zur bemalten, mit Gummiband versehenen Maske. Als Spezialindustrie etablierte sich die Maskenherstellung besonders seit den 1870er Jahren. Neben der Puppen- und Spielzeugherstellung war sie für die anwachsende Exportproduktion besonders wichtig. In den ursprünglich von Sonneberg abhängigen Standorten Manebach und Ohrdruf entstand eine bedeutende eigenständige Karnevalsindustrie. Diese war bis ins 20. Jahrhundert hinein in besonderer Weise auf hausindustrielle Fertigung angewiesen: Nur sie erlaubte es, flexibel auf die kurzlebige „Mode“ zu reagieren. Masken handelte man als billige Wegwerfartikel, was den Maskenmacherfamilien die Fertigung hoher Stückzahlen bei extrem niedriger Entlohnung abverlangte. Manebacher Firmen boten Großhändlern vor dem Ersten Weltkrieg die billigsten Masken zu einem Stückpreis unter 2 Pfennigen an, wofür die Masken aufgelegt, ausgestochen, bemalt und verpackt werden mussten. Erst 1923 wurde der Stundenlohn für Heimarbeiter gesetzlich fixiert, was jedoch an ihrer verheerenden sozialen Lage kaum etwas änderte.

Die Glasbläser

Zimmer mit alten Küchenmöbeln und Glaskugeln
Foto: © Stadtverwaltung Erfurt / Volkskundemuseum

In Thüringen erlebte die Glasindustrie im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts einen stürmischen Aufschwung. Als Spezialzweige hatten sich schon seit 1830 die Glasperlen- und später die Christbaum­schmuckindustrie um Lauscha und Neuhaus am Rennweg sowie die Glasinstrumenten- und Thermometerindustrie um Stützerbach (später in Ilmenau, Manebach, Elgersburg, Gehlberg) entwickelt. Diese erlangte Weltgeltung – wie auch das „Jenaer Glas“, hergestellt im 1884 gegrün­deten Glastechnischen Laboratorium von Otto Schott und Genossen. Mit der glasverarbeitenden Industrie wuchs die Zahl der Glashütten. Hier schmolz man Glas aus einem Gemenge von Sand, Kalk, Soda sowie anderen Zusätzen und verarbeitete es zu Halbfabrikaten weiter. Glashütten, die mehrere Glasmeister mit ihren Gesellen gemeinschaft­lich betrieben, existierten in Thüringen nachweislich seit dem 12. Jahr­hundert. Die um 1595 von dem Schwaben Hans Greiner und dem Böh­men Christoph Müller gegründete Glashütte in Lauscha war bis 1902 in Betrieb. Ursprünglich wurden hier – wie in allen Glashütten – Ge­brauchsgegenstände hergestellt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich auch die Lauschaer Hütte zum Zulieferer für die Glasindustrie: Gefertigt wurden jetzt vorrangig Glasstäbe und -röhren. Diese waren auch für die hausindustriell arbeitenden Glasbläser (Lampenarbeiter) der Ausgangswerkstoff: Vor der Öllampe – später ersetzt durch Gas­brenner – formten sie Spielzeuge, Glasfiguren, Glastiere, Puppenaugen, Perlen, Glasgeräte. Seit den 1870er Jahren produzierte man in Lauscha und Umgebung in großem Umfang Christbaumschmuck hauptsächlich für den englischen und US-amerikanischen Markt.

Die Lampenglasbläserei kam Ende des 18. Jahrhunderts auf und prägte um 1870 die Glasindustrie in Lauscha und Umgebung. Sie erlaubte die Glasverarbeitung außerhalb der Glashütten. Damit bot sie vielen Fa­milien eine – wenn auch für die Mehrheit kaum auskömmliche -Existenzmöglichkeit. Die Arbeit der Glasbläser wurde bestimmt durch Preisdrückerei seitens der Verlagsfirmen, überlange Arbeitszeiten (auch für die mitarbeitenden Kinder) und mehrmonatige Geschäftsstockung, gesundheitliche Belastung durch den Umgang mit Giften beim Dekorieren der Ware.

Einige Glasbläser, beispielsweise die Inhaber der wenigen größeren Glasbläsereien, erreichten überdurchschnittliche Einkommen: Sie beschäftigten jeweils bis zu 15 gering entlohnte Aufbläser, Perlen­macher, Arbeitsmädchen. Aufgrund ihrer besonderen Qualifikation übertrafen Kunstglasbläser, Glasspinner oder Spezialisten für die Herstellung von Augenprothesen ebenso den Durchschnittsverdienst.

Die Holzspielzeugmacher

Zimmer mit Werkzeug zur Holzbearbeitung
Foto: © Stadtverwaltung Erfurt / Volkskundemuseum

Zu den Sonneberger Handelsartikeln gehörten bereits vor dem 30jährigen Krieg neben Wetzsteinen, Nägeln, Schiefertafeln, Griffeln, Kienruß und Pech auch hölzerne Gebrauchsgegenstände, darunter Spielzeug. Als deren Hersteller kommen zünftige Handwerker -Drechsler, Schreiner, Löffler – in Betracht oder auch Waldarbeiter. Den überregionalen Vertrieb der „Kinderwaren“ erledigten Nürnberger Kaufleute, deren Weg zum Messeplatz Leipzig über den Thüringer Wald führte. Zu den ältesten Holzspielwaren gehören „Docken“ – etwa 20 cm hohe gedrechselte und bemalte Holzpuppen. Sie wurden im Sonneberger Gebiet seit dem 17. Jahrhundert gefertigt. Bis in diese Zeit lassen sich auch andere Spielzeugformen zurückverfolgen: naiv gestaltete Hirsche, Pferdchen auf Brettern und mit Rädern, auf denen ein Reitersmann sitzt.

Produziert wurde zum Teil damals schon in Arbeitsteilung: Von der Land- und Waldbevölkerung wurden die Teile gedrechselt und geschnitzt, bemalt bzw. zum Fertigmachen an die „Mahler-Meister“ gegeben. Unter ihnen waren für Sonneberg die sog. Wismutmaler besonders bedeutsam, die Ende des 18. Jahrhunderts dort auch die Funktion von Händlern und Verlegern übernahmen. Um 1800 führte steigende Nachfrage zum Expandieren der Spielzeugproduktion, was die Konkurrenz verschärfte und die Preise drückte. Sowohl Sonneberg als auch die Region Waltershausen – Ohrdruf – Ilmenau entwickelten sich zu Zentren der Puppenherstellung. Das vielgestaltige Sonneberger Spielzeugsortiment beinhaltete weiterhin eine Fülle von Holzwaren, in Waltershausen begann man 1805 mit der Holzspielzeugproduktion. Nicht zuletzt wegen der preisgünstigen Fertigung stand bis ins 20. Jahrhundert hinein die Fabrikarbeit hinter streng arbeitsteilig betriebener hausindustrieller Produktion zurück: In Catterfeld und Crock schnitzte man Köpfe für Handspielpuppen, in Mengersgereuth-Hämmern Spielzeugschiffe, in Eisfeld entstanden Schaukelpferde. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Nachfrage nach Holzspielzeug rückläufig. Jetzt kam (neben Blechspielzeug) besonders natürlich wirkendes Spielzeug in Mode. So überzog man Spielzeuge aus Holz und Papiermache mit Pelz, Plüsch, Leder, Stoff oder Filz. Ihren Höhepunkt erreichte die Sonneberger Spielzeugproduktion 1912: mit einem Umsatz von 45 Millionen Mark, wovon 70 Prozent auf den Export (vorrangig in die USA) entfielen.

Trotz zwischenzeitlicher Aufschwünge erreichte Sonneberg nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr die einstige Bedeutung als „Weltspielwarenstadt“.