Das „Große Hospital“
Seinen
Sitz erhielt das 1955 eingerichtete Museum für Thüringer
Volkskunde im sogenannten Herrenhaus des „Großen Hospitals“,
wo bereits seit 1889 die Heimatkundliche Abteilung des drei Jahre
zuvor gegründeten Städtischen Museums Erfurt untergebracht
war. 1924 entstand daraus das Museum für Heimatgeschichte. Das
imposante Gebäude – eines der ältesten erhaltenen
Steinbauten der Stadt - bildet mit seinen drei Etagen den stimmungsvollen
Rahmen für die ständigen Ausstellungen, für Sonderaus-stellungen,
Vorträge, Konzerte und andere Museumsaktivitäten.
1389
erhielt die Stadt Erfurt vom Mainzer Erzbischof die Genehmigung,
das am Fischmarkt befindliche Martinshospital außerhalb der
Stadtmauern anzusiedeln. Großzügig vor dem Krämpfertor
angelegt, entwickelt es sich rasch zur zentralen städtischen
Einrichtung zur Betreuung kranker und siecher Menschen.
Fortan wird es als „Großes Hospital“
bezeichnet. Das Haus funktionierte nach dem Prinzip der Selbstversorgung,
wozu die Insassen ihren Beitrag leisten mußten. Kranke, Alte,
aber auch Pilger wurden an „Leib und Seele“ gepflegt,
also mit dem Lebensnotwendigen versorgt und vom Hospitalgeistlichen
betreut.
Im
15. Jahrhundert vergrößerte das Hospital durch Kauf und
Schenkungen seinen Landbesitz. 1497 errichtete man - vermutlich
zur Unterbringung von Seuchenkranken - direkt an der Hospitalkirche
ein weiteres Gebäude. 1536 vernichtete ein Brand Teile der
Anlage. In Folge entstand ein repräsentatives Steinhaus, das
„Herrenhaus“, wo die eingesetzten Verwalter Wohnung
nahmen. Langsam veränderte sich die Funktion der Einrichtung:
Es wurden zunehmend Pfründner aufgenommen, die sich für
ein Aufnahmegeld und Überschreibung des Nachlasses Wohnung
und Versorgung für ihren Lebensabend sicherten. Von diesem
Privileg machten zahlreiche Erfurter Bürger und später
auch Auswärtige Gebrauch. Im frühen 17. Jahrhundert errichtete
man zwei weitere Pfründnerhäuser. Die besten Wohneinheiten
boten Stube, Kammer, Küche, Holzgelaß. 1664 gingen Stadt
und Hospital in mainzische Herrschaft über. Erzbischöfe
und Statthalter versuchten, sich der reichen Mittel des evangelischen
Stifts zu bemächtigen. Konflikte waren die Folge; erst die
Reservierung von Pfründnerplätzen für Katholiken
(ab 1789) entspannte die Situation. Unter preußischer Herrschaft
trat 1823 eine neue Armenordnung in Kraft. Zwar blieb das Hospital
als solches bestehen, doch flossen seine Einnahmen nun direkt in
die städtische Armenkasse. Die Selbstversorgung wurde aufgegeben,
Landbesitz in Geld umgewandelt, und Pfründner erhielten von
nun an nur noch freie Unterkunft sowie ein wenig Geld für den
Lebensunterhalt.
Bereits
seit 1888/90 wurden Teile des Herrenhauses zweckentfremdet, u. a.
für museale Zwecke. Überdauert haben außerdem das
„Brauhaus“ und die aus dem
15. Jahrhundert stammende Hospitalkirche - beides vom Museum als
Veranstaltungsraum bzw. Depot genutzt – sowie drei Pfründerhäuser
aus dem 17. und 18. Jahrhundert. In zweien davon haben die Zentralen
Restaurierungswerkstätten der Erfurter Museen ihr Domizil.
Begonnen hat die Sanierung des dritten Pfründerhauses, das
im Obergeschoß eine gut erhaltene Bohlenstube aufweist. Später
soll es die Volkskundliche
Beratungs- und Dokumentationsstelle für Thüringen,
die Fachbibliothek und Facharchive aufnehmen. Außerdem ist
an die museale Rekonstruktion einer historischen Pfründerwohnung
mit integrierter Ausstellung zur Bau- und Nutzungsgeschichte des
„Großen Hospitals“ gedacht. Erhalten geblieben
ist auch der malerische Innenhof, der verschiedene Großexponate
beherbergt und für kulturelle Veranstaltungen genutzt wird.
Heute erinnert nur noch ein Mitte der 1920 Jahre auf altem Baugrund
errichtetes und inzwischen von der Arbeiterwohlfahrt betriebenes
Senioren- und Pflegeheim an die einstige Funktion. Gleichwohl werden
durch den denkmalgeschützten Gebäudekomplex über
600 Jahre Erfurter Sozial- und Pflegewesen in situ verdeutlicht
und weitergeschrieben.
|