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Geschichte und Sammlungsschwerpunkte
Mit seinen
überaus reichen Regional- und Altbeständen zählt das
Museum für Thüringer Volkskunde zu den größten
Volkskundemuseen Deutschlands. Hervorhebenswert sind die reichen Exponate
zur ländlichen Sachkultur: Möbel, Hausrat, Arbeitsgeräte,
Textilien, Glas, Keramik, Schmuck, religiöse Gegenstände
und Objekte der Volkskunst; ein Sammlungsbestand zur Alltagskultur
des 20. und 21. Jahrhunderts ist im Aufbau.
Das im sogenannten Herrenhaus des „Großen Hospitals“
untergebrachte Haus blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück.
Ab 1888/90 wurde dort ein dem Städtischen Museum (gegründet
1886, heute: Angermuseum) zugeordnetes „Altertumsmuseum“
eröffnet: ein für die damalige Zeit typisches, mehr oder
weniger zufälliges Sammelsurium von „städtischen Altertümern“,
Trachten, ethnographischen („Südseesammlung“) und
naturkundlichen Exponaten verschiedener Provenienz. Durch Ankäufe,
Übernahmen, Schenkungen und Stiftungen erweiterten sich vor allem
seine volks- und heimatkundlichen Bestände rasch. So gelangten
1913 Teile der heimatkundlichen Sammlungen des Thüringer Waldvereins
und 1919 Gegenstände aus dem ehemaligen Provinzialmuseum Halle
in den Fundus.
Unter der (zunächst ehrenamtlichen) Leitung des Stadtarchivars
Alfred Overmann und des ersten festangestellten Direktors Edwin Redslob
gewann die lokale und regionale Ausrichtung der Sammlungs- und Ausstellungspraxis
weiter an Profil. Bis 1924 entwickelte sich das Haus unter Federführung
von Walter Kaesbach zum Museum für Heimatgeschichte, das „mit
seinen Erinnerungen die Liebe zur Heimat stärken und wach erhalten“
sollte und ländliche Sachkultur unter dem Signum „Volkskunst“
bzw. „Bauernkunst“ präsentierte. 1939 erfolgte seine
kriegsbedingte Schließung.
Nach 1945 begann unter Leitung von Herbert Kunze der Wiederaufbau
und die Neueinrichtung der Erfurter Museen. 1955 wurde - zunächst
als Abteilung des Angermuseums - im Herrenhaus ein Museum für
Thüringer Volkskunde eingerichtet. Seine Eröffnung stand
im Einklang mit der politisch-ideologischen Doktrin, „sozialistische
Heimatliebe zu entwickeln und das Volkskunstschaffen zu fördern“,
was aber Anfang der 1960er Jahre nicht vor (letztlich abgewendeten)
Auflösungsbestrebungen schützte.
Von 1968 bis 1990 gehörte das nunmehr von Egon Hennig angeführte
Haus als relativ eigenständige Einrichtung zum „Verband
Erfurter Museen“. In den 1970er Jahren erweiterte sich die Ausstellungsfläche
um das Dreifache, parallel dazu wuchs der Sammlungsbestand. Neben
einem sehr traditionellen Fachverständnis verhafteten Ausstellungen
wurden aber auch solche Expositionen wie „Heimarbeit und Lohnerwerb
in Thüringen“ erarbeitet, die dem von der DDR-Volkskunde
favorisierten Konzept einer Erforschung der „Kultur und Lebensweise
werktätiger Klassen und Schichten des deutschen Volkes“
zu entsprechen suchten. Im Frühjahr 1991 löste sich der
Museumsverband zugunsten einzelgeleiteter Spezialmuseen auf.
Nach dem altersbedingten Ausscheiden von Egon Hennig trat Dr. Marina
Moritz im Dezember 1993 dessen Nachfolge an. Seitdem befindet sich
das Haus in einer Phase der inhaltlichen wie gestalterischen Gesamterneuerung:
weg vom „Volkskunstmuseum“ und hin zu einem Museum der
Gesellschafts- und Alltagskultur. Dafür steht das Motto GESICHTER-GESCHICHTEN-GEGENSTÄNDE
ebenso wie die 2001 eröffnete ständige Ausstellung über
Dorfleben im 19. Jahrhundert. Das Museum für Thüringer Volkskunde
dokumentiert auf rund 900 qm Ausstellungsfläche vorrangig ländliches
Alltagsleben zwischen 1750 und 1900 im Spannungsfeld von Tradition
und Moderne, von Beharrung und Wandel. Eine besondere Herangehensweise
verleiht den „kleinen Leuten“ Gesicht und Stimme und läßt
sie aus der Anonymität von Geschichte heraustreten. Immer mehr
gewinnt aber auch die Betrachtung gegenwärtiger Kulturphänomene
an Bedeutung, wobei DDR-Alltagskultur einen besonderen Schwerpunkt
bildet. Daneben profiliert sich das Haus auf vielfältige Weise
zu einem Zentrum volkskundlicher Forschung und Arbeit in Thüringen.
So erfüllt es zunehmend Aufgaben eines Landesmuseums.
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